Alles, wo es hingehört

Während meiner letzten Hofaufsicht vor den Herbstferien stehe ich auf dem Schulhof herum, beobachte die Kinder beim geschäftigen Herumwuseln, träume so vor mich hin von den bevorstehenden Möglichkeiten des Ausschlafens und laufe von Zeit zu Zeit ambitioniert guckend ein paar Schritte nach links und rechts um Aufmerksamkeit zu simulieren demonstrieren.

Da kommen Nadia und Toni auf mich. „Hallo Frau Nichtausgedacht!“, rufen sie. Sie laufen Arm in Arm und schlurfen mit ihren Stiefeln durch die frisch gefallenen gelben Oktoberblätter. Vor mir bleiben sie stehen. Ich nutze die Gelegenheit für ein bisschen Beziehungsarbeit. Bei sonstigen Nebenjobs und Praktika wusste ich immer relativ schnell Bescheid über meine SchülerInnen – jetzt ist es anders. Ich weiß fast nichts, obwohl ich diese persönliche Ebene für die Schularbeit für wichtig halte.

„Und, freut ihr euch auf die Ferien?“, frage ich also und wenig überraschend wird das auch von beiden bestätigt. „Ich fliege nach Libanon!“, erzählt mir Nadia und schiebt erklärend für die nichtswissende Lehrerin hinterher: „Das ist eine Stadt in Arabien.“ Ich gucke skeptisch. „Ja, eine Stadt in Arabien“, bestätigt auch Toni. „Ich bin mir ziemlich sicher“, sage ich vorsichtig, „dass der Libanon ein Land ist.“ Sie gucken mich abwertend an. Einen solchen Unsinn haben sie noch nie gehört. „Frag mal deine Eltern.“ Nadia nickt und wechselt lieber schnell das Thema, um sich nicht noch länger mit Frau Nichtausgedacht über diese merkwürdige Behauptung austauschen zu müssen.
„Mein Turnbeutel wurde geklaut!“, beklagt sie sich, „ständig passiert mir das! Jedes Jahr! Und jetzt schon wieder.“ Ich bedaure sie angemessen und dann schlendern die beiden wieder davon, Arm in Arm, braune Stiefel über gelbe Blätter.

Nach der ersten Stunde nach den Ferien kommt Nadia zu mir und strahlt mich an, voller Überzeugung, dass mir dieses Gespräch in der großen Pause noch präsent ist. „Frau Nichtausgedacht!“, sagt sie fröhlich, „ich hab zwei Sachen herausgefunden! Der Libanon ist ein Land und mein Turnbeutel ist in der Fundkiste.“

Auf Los

Am Abend sitzen der Liebste, der Kommilitone, der Nachbar und ich gemeinsam im Wohnzimmer, essen gute Dinge, trinken ein Glas Bier und lachen uns kaputt, als ich sage, dass ich am nächsten Morgen zur ersten Schulkonferenz gehe.
In zehn Jahren werden wir das ganz normal finden, dann werde ich an vielen Schulkonferenzen teilgenommen haben und kein Mensch wird mehr lachen. Aber jetzt – ist es doch merkwürdig.

Im Seminar haben wir darüber gesprochen, wie wir uns am ersten Tag in der Schule verhalten sollen können. Allgemeiner Konsens war, dass man wohl erstmal zur Sekretärin geht und sie freundlich begrüßt und sich vorstellt und darum bittet, zur Schulleiterin gelassen zu werden, um auch sie freundlich zu begrüßen. In der Realität treffe ich die ersten anderen Lehrkräfte aber schon auf dem Schulhof, sie begrüßen sich freudig untereinander, sie haben sich lang nicht gesehen – mich haben sie noch nie gesehen, deshalb begrüßt mich erstmal keiner, bis ich dann einfach hinterherlaufe, bis ich dann mit ins Lehrerzimmer gehe – und dann, Ach, eine Neue? Ja, die Referendarin.

Die Schulkonferenz findet dann in der Aula statt, dort ist getischt und gestuhlt. Und auch hier begrüßen sich erstmal alle, glücklich, einander wieder zu sehen, und stellen erst einmal fest, wessen Haare gewachsen sind und wer braun geworden ist und wer nun doch welche Klasse übernimmt, obwohl doch eigentlich.

Ich bekomme drei Lehrkräfte an die Seite gestellt, mit denen ich künftig arbeiten werden. Zwei von ihnen kommen auf mich zu und begrüßen mich freundlich und sitzen später mit mir zu ersten Planungen zusammen. Mit den beiden werde ich mich auf jeden Fall arrangieren können, vielleicht wird es sogar richtig gut. Die dritte ignoriert mich den ganzen Tag und aus Gesprächen von anderen wird deutlich, dass sie von dieser neuen Konstellation keineswegs überzeugt ist.

Als alles, alles vorbei ist, gehe ich zu ihr hin. „Hallo, wir scheinen ja zusammen zu arbeiten!“, sage ich gewinnbringend und da ist sie dann doch bereit, mit mir ein paar Worte zu wechseln. Ich vermute mal, es gibt auch einen gewissen Druck von oben dabei. Mit ihr wird es sicher noch spannend.

Vorerst werde ich mit einigen neuen Büchern, vollgeschriebenen Zetteln und ersten Idee wieder entlassen.

Herzlich Willkommen

Brav stehe ich neben den anderen Referendarinnen und Referendaren, hebe wie verlangt meine rechte Hand gen Himmel und schwöre, für dieses Land und diesen Staat und die Grundgesetze und das Allgemeinwohl meine Pflicht stets mit größter Sorgfalt zu erfüllen.

Der Dienstvorgesetzte strahlt. Aufstehen, Hand schütteln, Urkunde überreichen, „Herzlich Willkommen!“, wieder hinsetzen – das wars. Ich bin eine Beamtin auf Widerruf geworden.

Dreieinhalb

Dass der Liebste und ich Kinder wollen, wissen wir schon lange. Und wir wissen auch schon, wie wir die gemeinsame Kinderaufzucht gestalten wollen.
Wir teilen sie uns.
Und zwar 50-50!
Und zwar haargenau!
Dreieinhalb Tage die Woche bringe ich die Kinder ins Bett, dreieinhalb Tage die Woche der Liebste.
Das ist der unumstößliche, alternativlose, unter allen Umständen durchzuziehende Plan.

Früher hätte ich das selber nicht gedacht. Ich bin, wie viele andere, in einer Gegend aufgewachsen, in der es so selbstverständlich war, dass die Mütter um 13 Uhr zuhause mit dem Mittagessen warten und die Väter maximal im Urlaub nennenswert Zeit mit den Kindern verbringen, dass ich zehn Jahre alt werden musste, bevor ich das erste Mal in einem Buch über den Begriff „Schlüsselkind“ stolperte und damit absolut nichts anfangen konnte. Meine gesamte Schulzeit über kam es mir nicht in den Sinn, dass ich etwas anderes werden könnte, als eine maximal halbtags arbeitende Mutter. Noch in der Oberstufe beharrte ich bei einer Diskussion darauf, dass es für Kinder von elementarer Bedeutung sei, dass sie mittags zuhause von ihrer Mutter empfangen werden. An die Väter dachte ich noch nicht einmal theoretisch.

Es ist vielen glücklichen Umständen, wunderbaren Bekanntschaften, einem Sozialwissenschaftsstudium und unzähligen Blogbeiträgen anderer zu verdanken, dass ich meine Meinung seitdem mehrmals überdacht, gedreht, gewendet, neu formuliert habe.

Und so sitzen wir und überlegen und machen schon mal hypothetische Pläne für diese hypothetischen Kinder. Wir legen trotzig jede Statistik beiseite, die uns sagt, dass es schwierig werden wird, das tatsächlich durchzuziehen. Und wir merken schon jetzt, an welchen Stellen wir an Strukturen stoßen, die uns einreden wollen, dass ein anderer Plan doch der leichtere, der vorgefertigte, der akzeptiertere wäre.

„Bleibt Frau Nichtausgedacht dann zuhause, wenn ihr mal Kinder habt?“, wird der Liebste gefragt.
„Es war ein gesellschaftlicher Fehler, Tätigkeiten im Haushalt nicht mehr wertzuschätzen, weil deshalb jetzt Frauen auch arbeiten gehen wollen und die Kinderbetreuung dadurch nicht mehr gewährleistet ist!“, wird mir erzählt.

Wisst ihr was? Ihr könnt mich alle mal.
Dreieinhalb Tage die Woche er!
Dreieinhalb Tage die Woche ich!
Darunter mache ich es nicht.

Die E-Mail

Bis kurz vor Schuljahresbeginn hütet die zuständige Verteilungsstelle das Geheimnis, wer an welche Schule geschickt wird, so ist es zumindest überall zu lesen und deckt sich mit den Informationen, die ich von der zuständigen Dame bekommen habe, als handle es sich um eine Information allerhöchster Brisanz.

Bam, liegt da mehrere Wochen vor Schuljahresbeginn diese E-Mail in meinem Postfach und ich blicke noch gar nicht, was eigentlich Sache ist, als ich auf den Betreff „Referendariat“ klicke. „Guten Tag Frau Nichtausgedacht!“, steht da. „Sie wurden uns zugeteilt. Melden Sie sich doch bei uns. Ihre Schulleiterin.“

Wie, Schulleiterin?

Wie, zugeteilt?

Und ich kann geradezu in Zeitlupe beobachten, wie die Information, die in diesen Worten steckt, langsam über meine Augen in mein Gehirn wandert und dort erstmal in einer Verteilungsstelle hängen bleibt, während das Gehirn versucht herauszufinden, wo es dieses neue Wissen hinpackt, auf das es in keinster Weise vorbereitet ist.

Wie, Schulleiterin?

Wie, zugeteilt?

Also, das ist meine… also, diese Frau ist… der Name der Schule ist…

Und dann endlich ist die Information tatsächlich durchgedrungen, beginnt mein Gehirn zu rattern, setzen sich meine Hände fast selbstständig in Bewegung, tippen die Worte ein, saugen mein Augen begierig jede kleine Information, die sie finden, auf.
Nein, einer meiner Wunschorte ist es nicht. Aber es ist auch keine komplette Katastrophe.
Bald weiß ich mehr.

Wie alles begann

Dass ich hier stehe, liegt an Aynur.

Hier, in diesem halbhohen schlecht beleuchteten Flur vor der Tür mit der Aufschrift „Sachbearbeitung Vorbereitungdienst“. Meine Finger umklammern die Mappe, in der sich mein Abschlusszeugnis und das Abschlusszeugnis des Studiums davor und mein Lebenslauf und das Bewerbungsschreiben und mein Photo befinden und darauf warten, in eine andere Mappe hinter dieser Tür umzuziehen, auf der dann „Bewerbung zum Vorbereitungsdienst, Frau Nichtausgedacht“ stehen wird.

Das ist nun also das Ergebnis davon, dass ich mich vor sechs Jahren aus Neugierde bei diesem Mentoring-Programm gemeldet hab. Eigentlich wollte ich doch nur mal gucken, wie das so ist, mit diesen Kindern aus diesen Brennpunktschulen, von denen die Zeitungen und die Medien und die PolitikerInnen und alle plötzlich mit viel Entsetzen berichteten. Ich wollte mir doch nur mal selber ein Bild machen, einmal reingucken, und mich dann wieder anderen Dingen zuwenden.

Dann war da Aynur, mit der ich so wunderbare Nachmittage verbrachte; Nachmittage, in denen wir Eis aßen und ins Museum gingen und bei mir zuhause bastelten und Plätzchen buken und uns dabei mit Alltäglichem überraschten – „Wie, du wohnst mit einem Mann zusammen, der nicht dein Freund ist?“ (Aynur an mich) – „Wie, du sprichst Deutsch, Türkisch, Kurdisch und kannst Arabisch lesen?“ (Ich an Aynur). Aynur wartete jeden Mittwochnachmittag auf mich an ihrer Wohnungstür und strahlte, wenn sie mich sah. Zum Abschied schrieb sie mir einen Brief, den sie mir verschämt kichernd überreichte.

Mit Aynur öffnete sich eine komplette Welt, die ich bis dahin nicht gekannt hatte. Zu dem Mentoringprogramm gehörten Treffen mit der Klassenlehrerin, mit anderen Mentorenpaaren, Teilnahmen an Schulfesten, Kontakt zu weiteren Lehrkräften.

Zu dem Zeitpunkt steckte ich noch mitten in den Sozialwissenschaften, ich dachte über Projektarbeit nach, vielleicht Museum, vielleicht ein bisschen Forschen – was man sich so für Zukunftspläne macht in dem Bereich. Mein Studium neigte sich zunehmend dem Ende zu, und eines Tages, als ich darüber nachgrübelte, wo ich gerne arbeiten würde, erinnerte ich mich daran, wie ich mit Aynurs Lehrkräften in dem Konferenzzimmer gesessen hatte, wie ich mit Aynur plauderte und merkte, wie ich zunehmend ihr Vertrauten gewann und mit einem Mal dachte ich: Das ist es, was ich gerne machen möchte.

Und deshalb steh ich nun, sechs Jahre, ein weiteres Studium, zahlreiche Praktika und Nebenjobs in Schulen später, vor dieser Tür und klopfe.

„Ich wollte meine Unterlagen für die Bewerbung zum Vorbereitungsdienst abgeben!“

Die Frau am Schreibtisch hinter der Tür zieht die Augenbrauen hoch.

Ja, man sollte das per Post schicken, ich weiß, aber ich denk doch immer…

Sie guckt sich trotzdem alles an, nickt alles ab, es ist alles da.

Ich bedanke mich, stehe auf.

Da blickt sie hoch: „Wissen Sie denn schon, wo Sie gerne hinwollen?“

Ich nicke. Ich nenne die Orte meiner Wunschseminare.

Die Augenbrauen gehen wieder hoch. Mit einer Mischung aus Überraschung und Mitleid sieht sie mich an.
„Na, Sie sind ja mutig!“

Ich grinse sie an.